Juli 18, 2008
Wenn Existenzen aufgelöst werden…
Posted by straightrazorguy under Dies und Das | Schlagworte: Existenz, Fund, Geschäftsauflösung, Glück |No Comments
…dann kann mancher davon profitieren.
Heute wanderte ich durch eine Gasse in der Innenstadt von Passau, auf dem Weg zum Flämischen Schokoladenhaus, um dort Schokolade für einen Besuch morgen zu kaufen. Gleich daneben befindet sich ein altes Schneidwarengeschäft, in das ich nie hineingekommen bin, weil ich es erst nach seiner Schließung Ende letzten Jahres entdeckt hatte. Heute war offen, neugierig wagte ich einen Blick.
Ich fragte, ob es noch Rasiermesser gäbe, und wollte nach negativer Auskunft schon wieder gehen, als ich eingeladen wurde, mich doch umzusehen. Totalräumung durch die neuen Besitzer stand gestern und heute auf dem Plan. Das ganze Inventar, Möbel, Hausrat, Maschinen, alles stand zur Veräußerung. Ich solle doch in die Werkstatt gehen und mich umsehen. Da ich Zeit hatte, tat ich dies. Ich betrat die Vergangenheit. Das war keine normale Werkstatt, das war eine 150 Jahre alte Messer- und Scherenschleiferei, in der die Zeit still gestanden war.
Ich begann mich unzusehen. Große Maschinen, riesige, uralte Schleifsteine, Abziehmaschinen und vieles mehr sah ich. Dazu kleine, noch verpackte Schleifsteine, aber viel zu grob für meine Zwecke. Auf einem Tisch entdeckte ich so etwas, das wie Griffschalen für Rasiermesser aussah. Tatsächlich, es waren neue, unbenutzte Griffschalen. Dann fand ich noch mehr und schließlich ganze Packungen mit originalverpackten Griffschalen. Zu diesem Zeitpunkt brauchte ich schon eine Schachtel um die Funde tragen zu können.
Dann fiel mein Blick auf Messer. Keine fertigen Messer, sondern in Plastikfolie verpackte, fertige Klingen von Henckels. Friodur-Tafelmesser, für die ich mal Griffe basteln kann. 20 Stück waren es bestimmt. Dazu packte ich noch ein paar herumliegende Griffe ein. Ich wollte schon gehen, als ich über eine Kiste stolperte und mir die Schachtel mit Krimskrams fast aus den Händen fiel. Ich sah in die Übeltäter-Kiste hinein. Wiederum grobe Schleifsteine. Ein feinerer rang um meine Aufmerksamkeit, ich nahm ihn einfach mit. Zurück im demontierten Ladengeschäft nahm ich noch ein paar Rasierklingen mit und eine Ablagetafel von Henckels, auf der früher einmal Ware präsentiert wurde. Ich bezahlte und ging raus, um nebenan Schokolade zu kaufen.
Zu Hause wurden die Funde sortiert: Viele (gut über 50) schöne, neue Griffschalen, darunter welche mit Dovo- und Tennis-Schriftzug, aus Holz, aus Horn, aus Cellidur, aus Celluloid, aus Schiltplatt(-Imitat). In der Schachtel, die ich in der Werkstatt genommen hatte, um die Funde einzusortieren, fand ich ein Päckchen mit Rasiermesserpins und -Nieten sowie etliche lose Nieten.
Die größte Überraschung jedoch war der Schleifstein: Nach dem Reinigen rieb ich ihn mit 1000er-Schleifpapier an. Weiß-grünlicher Schleifschlamm bildete sich, der nach Kalk roch. Der Mikroskopvergleich bestätigte: Das zufällig mitgenommene Steinchen (mit 26×5x2.5cm ein ordentlicher Brocken) war ein gelb-grüner Vorkriegsthüringer von einer Qualität, die es heutzutage nicht mehr gibt. Dem entsprechende Liebhaberpreise werden für diese Steine gezahlt, wenn überhaupt mal jemand einen hergibt…
Im Nachhinein muss ich gestehen, dass ich heute wohl richtig Glück hatte. Wäre ich am Mittwoch schon Schokolade kaufen gegangen, wäre ich heute nicht in dieses Geschäft gekommen und viele schöne Sachen würden nächste Woche durch den Altwarentandler geholt werden. Ein trauriger Gedanke, dass eine Existenz eines hart arbeitenden Schleifers so enden muss, aber immerhin, ein paar Dinge haben ein gutes neues Zuhause gefunden.
Zum Abschluss noch was für die Augen:










